So lautet der Titel eines grundlegenden Einführungsvortrages. Was verbirgt sich hinter dem Begriff ,,Bildung“ und weshalb ist gerade ,,Bildung“ heute, im vis a vis nahezu sämtlicher moderner Krisenerscheinungen und zeitaktuellen Verlegenheiten konkurrenzlos wichtig? In unüberbietbarer Eindringlichkeit die Not unserer Zeit und zugleich ihre Therapie benennend, formuliert Hartmut von Hentig, der der Lessing Hochschule zu Berlin eng Verbundene: ,,Die Antwort auf unsere behauptete der tatsächlichen Orientierungskrise ist Bildung — nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat, nicht ein Mehr an Selbsterfahrung und Gruppendynamik, nicht die angestrebte Suche nach Identität.“
Angelegt als Philosophisches Kolloquium mit Texten von Aristoteles, Lukrez, Karl Marx, Martin Heidegger, Arnold Gehlen, Hannah Arendt, Hans Blumenberg, Lewis Mumford u.a.
Die Möglichkeit des Irrtumslernens ist heute durch ,,Intolerante“ und fehlerfeindliche Großtechnik bedroht, die menschliches Versagen nicht gestattet und den Menschen zum gefährlichen Störfaktor eines reibungslosen technischen Ablaufes werden lässt.
Man kann mit großem heuristischen Gewinn das sogenannte Entropiegesetz sowohl für die Erklärung aktueller Phänomene der Unordnung, Auflösung und Nichtbeherrschbarkeit in unserer natürlichen und sozialen Umgebung nutzbarmachen als auch für die Gewinnung eines neuen, von Grund auf anderen Bezugssystems zur Organisation unserer gesamten Lebensaktivitäten.
Gibt es Gestaltungsmöglichkeuiten von Arbeit, Leben und Natur gegen die Autonomisierung von Technik und Ökonomie?
Sind wir auf die Freizeitgesellschaft vorbereitet? Kann man die für eine geglückte Lebensführung des Einzelnen mehr denn je erforderliche Urteils-, Geschmacks- und Bedürfnisbildung wirklich einfach nur dem ,,heimlichen Lehrplan“ von Mode und Werbung, von Massen- und Konsummedien überlassen?
Was leistet dieses Konzept einer dauerhaften und durchaltbaren Entwicklung und wohin führt diese uns?
Je mehr die Welt als Welt der besonderen Orte sich verflüchtigt, umso deutlicher erfahren wir sie als Ort der Reflexion über die Zeit. Und das bedeutet: die geografische wird von der chronografischen Ordnung verdängt. Die physischen Distanzen, die einst als Erlebnis- und Erfahrungsbarrieren gewirkt haben, sind einer vielfältig vermittelten universalen Gleichzeitigkeit gewichen. Prognosen so unterschieldicher Denker wie Leopold Ziegler, Martin Heidegger, Rudolf Kassner und Eugen Rosenstock-Huessy deuten einen welthistorischen Übergang von Raumfixierung der Menschen zur Zeitgenossenschaft an. Irgendwie werde die Menschheit sich aus der frühen Identifizierung mit Territorien lösen und aus der Erfahrung planetarischer Zeit neue Verbindungen knüpfen und erkämpfen.
Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen
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Wilhelm von Humboldt
( 1767 – 1835 )
Unserem Bildungswesen fehlen in der Tat Einrichtungen auf Universitätsniveau, die ,,unabhängig von Hochschulen“ oder wenn doch ,,nur in losem Verbande mit diesen“, eine ganzheitlich, synthetische Bildung anstreben und ein dialogisches und interaktives wissenschaftliches Studium jenseits von Fächergrenzen anbieten und pflegen.
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Ein solches, die Vielfalt, Dezentralität und Humanität des Denkens und Handelns erst ermöglichendes Bildungsangebot ist um so wichtiger, je einseitiger Produktion und Verwertung von möglichst patentierbaren Wissensgütern in der Entwicklung des allgemeinen Hochschulwesens betont und belohnt werden.
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Unser Bildungswesen selbst muß dringend auf den Prüfstand öffentlicher Diskurse. Bildung ist kein privates Gut. Sie wird es auch dadurch nicht, wenn sie privat finanziert und organisiert wird. Das Schicksal des Bildungswesens betrifft uns Alle.
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Die Lessing Hochschule versteht sich als ein öffentliches Forum, das mehr und mehr von der privaten Initiative wacher, verantwortungsbewusster und höchstgebildeter Bürgerinnen und Bürger getragen wird, die das Ihre dazutun, den Druck der Öffentlichkeit groß genug werden zu lassen, um auch die Politik beim Umsteuern im Bildungswesen angemessen ,,einzubeziehen“.
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Prof. Dr. Bernd Guggenberger
Rektor der Lessing Hochschule zu Berlin.
Gemeinsames Lernen — genauer formuliert: gemeinsames lebenslanges Lernen — in komplexen wissenschaftlichen und moralischen Fragen, ist das Gebot der Stunde. Dieser Thematik fühlt sich die Lessing Hochschule zu Berlin verpflichtet. Sie ist ein ganz besonderer Ort für ein solches gemeinsames Lernen, ein Ort der höchsten Bildung, will sagen: ein Ort des gemeinsamen und unabhängigen, wissenschaftlich gestützten und ethisch reflektierenden Lernens angesichts komplexer Herausforderungen in Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
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In der Lessing Hochschule sollen sich vor allem jene engagierten Persönlichkeiten begegnen, die sich in besonderer Weise um das Wohl und Wehe des Gemeinwesens sorgen und die wissen, dass ihre eigene Entwicklung und ihre Erfolge sowie die Entwicklung und Erfolge des Gemeinwesens in Kreislaufprozessen langfristig miteinander verbunden sind, die sich im überschaubaren kommunalen Umfeld ebenso beratend und meinungsbildend einsetzen, wie sie sich — über geeignete Medien — in über- und internationale Reformdiskussionen einschalten, die sich persönlich vor allem für Reformen und Weiterentwicklungen in Kultur, Wirtschaft und Politik einsetzen (möchten). Persönlichkeiten, die bereit sind, sogar eigene Ressourcen, Zeit und Geld bereitzustellen, wenn sie eine geeignete Plattform, wie die Lessing Hochschule sie bietet, finden, um den öffentlichen Dialog beispielsweise über das Gesundheitssystem, das Bildungssystem oder den Arbeitsmarkt so stark mitzubeeinflussen, dass sich die einsichtigen und reformwilligen Politiker getrauen Althergebrachtes gegen Reformbeschlüsse zu verwerfen und dabei mit Mehrheiten in den Parlamenten rechnen können.
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Den starken, die politische Meinungsbildung dominierenden Interessengruppen fehlen auch heute noch die in ihrer Wirkung auf die Politik gleich starken oder noch stärkeren breiten öffentlichen Diskurse, in die sie sich mit ihren Argumenten hineinzubegeben haben. Erst die kritischen und kreativen Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern von legitimen Partikularinteressen einerseits und den in anspruchsvollen öffentlichen Meinungsbildungsprozessen zum Ausdruck kommenden Haltungen und Zielvorstellungen des Gemeinwesens andererseits, lassen hoffen, dass tragfähige Konsensbildungen in der Bewältigung auch sehr komplexer Fragen, wie bei den beispielhaft genannten Aspekten, in Zukunft möglich und immer wahrscheinlicher werden.
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Unsere Zukunft — im lokalen, regionalen und globalen Kontext — wird wesentlich davon abhängen, dass sich Plattformen und Foren, wie sie die Lessing Hochschule seit 1901 anbietet, für intelligente und glaubwürdige öffentliche Diskurse bilden können.
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Prof. Dr. Bernd Guggenberger
Rektor der Lessing Hochschule zu Berlin
schrieb unter dem 22. Juli 1928: „Ich versage mich auch sonst nicht, wenn es sich darum handelt, für Bildungseinrichtungen einzutreten, aber gerade der Lessing Hochschule gegenüber, deren Wirksamkeit mir seit langem bekannt ist, möchte ich besonders ausdrücken, für wie wertvoll und im höchsten Sinne gemeinnützig ich diese Einrichtung halte. Die Existenz der Lessing Hoch schule ist nach meiner Überzeugung schon darum von hoher Wichtigkeit, weil bei uns entschieden zu wenig getan wird, um die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung auch den nicht im Fach Stehenden zugänglich zu machen. Die Lessing Hochschule hat dieser Aufgabe seit vielen Jahren mit hohem Verantwortungsgefühl gedient, wie ja durch ihre Stellung im Bildungsleben und in der Öffentlichkeit allgemein anerkannt ist, und es erscheint mir als eine selbstverständliche Pflicht der Allgemeinheit, die Entwicklung dieses Institutes zu sichern und zu fördern.“
„Deutschland ist nicht arm an bedeutenden Wissenschaftlern gewesen, aber es hat nicht sehr viele Persönlichkeiten besessen, die die Verbreitung von Wissenschaft auf qualitativ hohem Niveau so sehr zu ihrem Lebensziel gemacht haben wie Ludwig Lewin. Dieser hochgebildete Mann hat dieses Werk in Gemeinschaft mit seiner polnischen Frau Lola, geborene Heller, vollbracht, die trotz aller tragischen Erfahrungen auch den Rückweg nach Berlin wieder mit ihm gegangen ist. Noch einmal gelang es diesen beiden Menschen, das geistige Berlin für die Vermittlung von Wissenschaft und Kunst an breitere Schichten zu interessieren.“
Hellmut Becker, Direktor des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung, im Nachruf auf Dr. Dr.h.c. Lewin aus dem November 1967
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